Aggressionsverhalten bei Papageien

Aggressionsverhalten bei Papageien

Hier fliegen jetzt die Fetzen! Anfang Juni habe ich einen Vortrag zum Thema Aggressionsverhalten bei Papageien, bei den Papageienfreunde-Nord gehalten. Die Papageienfreunde-Nord haben sich die Aufklärung über Verantwortung, artgerechte Haltung und Artenschutz bei Papageien zur Aufgabe gemacht. Der monatlich stattfindende Stammtisch wollte etwas über das Thema Attacken und lautstarke Frühlingsgefühle erfahren. Nach intensiver Literaturrecherche, hatte ich eine Präsentation (stattliche 40 Seiten) zusammengebastelt. Hier nun die Zusammenfassung:

 

Papageien sind Beutetiere

Dies zeigt sich in ihrer Anatomie. Die Augen sitzen seitlich am Kopf und ermöglichen eine Rundumsicht. Die Ohren besitzen keine Muschel, um alle Geräusche aus der Umgebung wahrzunehmen. Wir, als Mensch mit unseren frontal sitzenden Augen und großen Händen, sind für Vögel bedrohliche Beutegreifer. Deswegen ist es ein großer Vertrauensbeweis, wenn sich ein Vogel von uns anfassen lässt.

Info: Um einen Vogel zu verstehen, ist es wichtig, sein Verhalten deuten zu können. Nicht der Papagei muss „sprechen“ lernen, sondern der Mensch muss die ziemlich subtile Papageienprache erlernen!

Papageien sind sehr intelligente und hochsoziale Lebewesen. Sie besitzen das Denkvermögen eines drei- bis fünfjährigen Kindes! Das bedeutet, dass sie auch sehr schnell lernen. Dazu gehören Dinge, die wir ihnen beibringen wollen, aber auch ungewollte Verhaltensweisen, die wir unbewusst unterstützen.

Ein Beispiel:

Der Mensch verlässt das Zimmer, in dem sich der Vogel aufhält. Dieser beginnt mit Kontaktrufen und wird dabei immer lauter. Der Besitzer kommt wütend zurück und beschimpft den Vogel, er solle doch still sein. Der Vogel lernt: Wenn ich schreie, kommt mein Mensch zurück und macht auch noch ordentlich Krach (was Vögel lieben).
Also genau das Falsche gelernt! Man bekommt anders ausgedrückt das Verhalten, welches man (unbewusst) unterstützt.

 

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Gibt es Beißereien zwischen Papageien in freier Natur?

Eher Nein! Die Experten sind sich nicht mal sicher, ob es überhaupt eine Rangordnung im Schwarm gibt. Susan Friedmann schreibt: „Im natürlichen Lebensraum der Papageien gibt es offensichtlich keine Alphatiere und keine linearen Hierarchien.“ Die Vögel regeln ihre Meinungsverschiedenheiten meistens mit ihrer Körpersprache. Sie zeigen Droh- und Imponiergehabe, aber es kommt fast nie zu gefährliche Beißereien. Das lässt insofern den Schluss zu, dass Beißen in Gefangenschaft erlernt wird.

Woran erkenne ich Aggressionsverhalten?

Bevor ein Vogel beißt, sendet er uns einige Signale, die wir nicht übersehen sollten. Kurzum wenn er seine Schwanzfedern fächert, oder seine Pupillen sich schnell verengen und weiten, sollten wir nicht weiter auf ihn zugehen, sondern Abstand halten.

Eine Besonderheit ist das Overload-Verhalten, bei dem der Vogel durch zu starke (sexueller) Stimulation in einen Ausnahmezustand gerät und dann unberechenbar wird. Tritt es auf, muss der Vogel sofort in Ruhe gelassen werden, bis er sich wieder beruhigt hat.

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Aggression:

  • Schwanzfächern
  • Abspreizen bestimmter Federbereiche
  • Farbspiel
  • Pin- Pointing (Pupillen auf und zu)

Furcht:

  • langgestreckter Körper
  • angelegtes Gefieder
  • angestellte Flügel

 

Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten:

Von einigen Verhaltenstherapeuten und Vogelmedizinern wurde und wird leider noch die Kastration als Lösung empfohlen und durchgeführt.
Hiervon ist aus mehreren Gründen jedoch dringend abzuraten.
Vorankündigung: Zu diesem Thema werden wir zeitnah einen separaten Blog schreiben. Nachtrag 29.08.2019: Und hier ist er Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten bei Papageien

 

 

Grundregeln gegen das Aggressionsverhalten bei Papageien

Es ist nicht einfach, einem Papageien das Beißen und Schreien wieder abzutrainieren. Zumeist funktioniert es nicht ohne professionelle Hilfe durch gute Vogelverhaltenskundler.

 

Präsentation Auszug Grundregeln

 

1) Tierärztliche Untersuchung

Vögel sind wahre Meister im Verstecken von Krankheiten. Als Beute- und Schwarmtiere dürfen sie sich schließlich keine Unpässlichkeiten anmerken lassen. Oft sind Erkrankungen schon weit fortgeschritten, bevor der Vogel Symptome zeigt. Aus diesem Grund sind jährliche Vorsorgeuntersuchungen dringend anzuraten. Auch ein Vogel, der Verhaltensauffälligkeiten zeigt, sollte tiermedizinisch untersucht werden. Manchmal sind es Schmerzen oder Unwohlsein, die demzufolge zu Beißen oder Schreien führen.

 

2) Optimierung der Haltungsbedingungen

Vögel sollten mindestens zu zweit, aber besser im Schwarm gehalten werden. Einzelhaltung ist Tierquälerei! (abgesehen von völlig fehlgeprägten Vögeln)

Info: Grundsätzlich gilt Artengleichheit und Gegengeschlechtlichkeit. Wenn sich nun aber zwei Wellensittichhähne ineinander verlieben oder eine Blaustirnamazonendame sich einen Edelpapageienhahn aussucht… So what!? Wir sind ja tolerant. 😏

Dessen ungeachtet brauchen mehr Vögel aber auch mehr Platz!

 

Futter und Fütterung

Die Fütterung ist ein wesentlicher Bestandteil einer Verhaltenstherapie.

In freier Natur verbringen Papageien 80% des Tages mit Futtersuche und -aufnahme – unsere Vögel zuhause gerademal 20%. Da bleibt viel Zeit, um auf dumme Gedanken zu kommen.

Futter sollte für den Vogel schwer zugänglich versteckt werden (Futterspielzeuge). Auch weniger fettreiches Futter, von dem mehr gefressen werden muss, ist ratsam. Für Extrudatfutter benötigen Papageien eine längere Aufnahmezeit, weil es weniger Energie enthält.

Vorankündigung: zum Thema „Papageienfütterung“ erscheint demnächst ein Blog.

 

3) Beschäftigung

Tägliches (sogar mehrmaliges) Duschen/Baden ist gut. Der Vogel kann sich dabei austoben und ist danach mit Gefiederpflege beschäftigt. Außerdem simuliert Duschen die Regenzeit. Besonders toll finden sie es, wenn dabei der Staubsauger oder der Föhn laufen!

Ansonsten gilt viel Beschäftigung und Spiele. Bewährt hat sich außerdem das Clickertraining.

 

4) Training

Wer hier unerfahren ist, sollte sich eine(n) gute(n) Vogelverhaltenskundler(in) mit ins Boot holen. Schnell hat man dem Papageien aus Unwissenheit irgendetwas antrainiert, was hinterher mühsam gegenkonditioniert werden muss.

Info: Papageien ticken weder wie Hunde noch wie Katzen. Um sie zu verstehen, reicht der normale Menschenverstand nicht aus, man benötigt fundiertes Fachwissen.

Zunächst sollte das unerwünschte Verhalten genau analysiert werden: Wann, wie, mit welcher Intensität, in welcher Umgebung, bei welchem Auslöser,… zeigt der Vogel die Verhaltensauffälligkeit? Dazu eignet sich ein Verhaltenstagebuch.

Dann wird das unerwünschte Verhalten positiv gegenkonditioniert. Es wird dem Vogel sehr viel leichter fallen, ein Verhalten aufzugeben, wenn ihm als Ersatz eine andere Tätigkeit geboten wird. Zum Beispiel kann man ihn mit einem Kuscheltier (anstatt der eigenen Hand) spielerisch kämpfen lassen.

 

Aggressionsverhalten bei Papageien Verhaltenstherapie Training

 

In jedem Fall gilt: keine Strafen!
Der Vogel würde sie ohnehin nicht verstehen, und das Vertrauensverhältnis würde noch mehr in Mitleidenschaft gezogen.

Wir sollten uns immer bewusst sein, dass der Vogel das Opfer ist, welcher zumeist aus Angst beißt. Er ist schließlich nicht böse!
Dieses Verhalten hat er nicht mitgebracht, sondern durch unser (wenn auch ungewolltes) Fehlverhalten antrainiert bekommen. Wir brauchen folglich viel Zeit und Geduld. Ohne genügend Zeit, Engagement, Platz und finanzielle Möglichkeiten, sollte man davon absehen, sich Vögel anzuschaffen. Die Haltung von Papageien ist sehr anspruchsvoll und gehört unbedingt in erfahrene Hände. 

 

 

Quellen:

  • B. Doneley „Avian medicine and surgery in practice“
  • G. Harrison, T. Lightfoot „Cinincal avian medicine Vol. II“
  • R.B. Altmann, K. Quesenberry „Avian medicine and surgery“
  • H. Niemann „Papageien als Heimvögel Band 2“
  • A.M. Castro „Die Vogelschule – Beißen & Aggressionen“
  • I.Emser-Rinck, D. Heidebluth „Aggressionen bei Papageien“
  • W. Lantermann „Verhaltensstörungen bei Papageien“
  • S. Friedmann „Das Streben nach Dominanz: Tatsache oder Fantasie“
  • S. Echols „Vasektomie und Kastration von Vögeln“
  • H. Kempf „Kastration von Papageien zur Beeinflussung unerwünschten Verahltens“
  • P. Wolf „Samen und Saaten für Papageien“
  • X. Wapelhorst, J. Kamphues „Calciumergänzung in der Ziervogelfütterung“
  • P. Wolf „Extridate/Pellets oder Sämereien – was ist das richtige Futter?“
  • D. Britsch „Futteraufnahmeverhalten bei Aras“
  • X. Wapelhorst, J. Kamphues „Beifutter in der Ziervogelfütterung – sinnvoll zur Vitamin-A-Versorgung?“
  • P. Wolf „Sind Amazonen wirklich Körnerfresser?“
  • P. Wolf „Zur Vitaminversorgung von Papageien“