Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten bei Papageien

Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten bei Papageien

Wie im letzten Papageienblog versprochen, heute der Blog zum Thema: Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten bei Papageien. Kastration als Lösung von Aggressionsproblemen – Ist es tatsächlich sinnvoll männliche Papageien bei Aggressionsproblemen zu kastrieren?

Diese Frage wird in Papageien-Halterkreisen und -Foren scharf diskutiert. Oft ist die Verzweiflung groß, wenn man einen wütenden, schreienden und beißenden Papageien daheim hat. Da wird die Aussicht auf Besserung durch eine „simple“ Operation gerne als letzter Strohhalm genommen.

Wenn die männlichen Hormone die Ursache für das unerträgliche Verhalten des Vogels sind, warum entfernt man dann nicht einfach die Produktionsstätten, und der Vogel mutiert zum frommen zahmen Lamm? Wenn das so einfach wäre – Ist es aber leider nicht!

 

Was bedeutet Kastration?

Als Kastration bezeichnet man die Entfernung der Keimdrüsen (Gonaden), genauer gesagt Hoden und Eierstöcke.

Info: Auch beim weiblichen Tier heißt dies Kastration.

Entgegen einer Sterilisation, bei der nur die keim-leitenden Bahnen (Samenleiter und Eileiter) durchtrennt.

 

Schwierig und mit Risiko

Die Kastration eines Papageienhahnes ist eine schwierige und risikoreiche Operation. Das ist den meisten Tierhaltern nicht bekannt, weil die Kastration männlicher Säugetieren in nahezu jeder Tierarztpraxis eine gängige, einfach durchzuführende Routineoperation darstellt. Der Grund ist, dass bei Hund, Katze, Kaninchen und Meerschweinchen die Hoden leicht zugänglich, praktisch wie auf dem Präsentierteller im Hodensack außen am Körper liegen. Also kein Problem daranzukommen.

Beim Vogel haben wir allerdings komplett andere Verhältnisse. Die paarig angelegten Hoden liegen im Eingeweide-Bauchfellsack unter dem Magen-Darm-Trakt, an der Rückenwand befestigt, in direkter Nachbarschaft zu Nieren und Nebennieren. Zu allem Überfluss ziehen Aorta und Hohlvene mittig durch sie hindurch, mit anderen Worten: „vermientes Land“.

Form,Farbe und Größe der Hoden sind abhängig von Alter, Spezies, Klima/Jahreszeit und Fortpflanzungsstadium. So können die Hoden eines geschlechtsaktiven Wellensittichhahnes um das 35-fache an Größe zunehmen!

Um die Hoden zu erreichen, wird ein Zugang über die seitliche Bauchwand gewählt. Dabei müssen die zwei letzten Rippen durchtrennt werden, was eine sehr schmerzhafte Heilungsphase nach sich zieht. Die schlechte Zugänglichkeit und die enge Nachbarschaft zu sensiblen Organen und zu Blutgefäßen birgt große Risiken, zum Beispiel die Gefahr zu verbluten!

Die Hoden müssen unbedingt vollständig entfernt werden. Zurückgelassenes Hodengewebe kann nachwachsen.

Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten bei Papageien Schaubild

Schaubild Papagei Organe

Endoskopische Kastration

Kann dieser Eingriff mit weniger Risko (minimal invasiv), endoskopisch durchgeführt werden? Endoskopisch geht zwar, das Risiko bleibt aber nahezu identisch.

Die Luftsäcke der Vogel sind während der Inhalationsnarkose mit einem Inhalationsgas-Sauerstoff-Gemisch gefüllt. Dieses kann bei Betätigung des Elektrokauters zu Verpuffungen im Vogelkörper führen. Nieren, Nebennieren und Ischiasnerv können verbrannt werden.

Außerdem kann entstehender Rauch in die Lunge gelangen.

Info: Vögel haben kein Zwerchfell, was Brust- und Bauchraum voneinander trennt. Der Rauch würde die Bildung von Schimmelpilzgranulomen (Aspergillose) begünstigen.

Bringt die Kastration wirklich Abhilfe?

Wenn man sich für eine derartig risikoreiche Operation entscheidet, möchte man auch ein verlässliches Ergebnis.

Wird das aggressive Verhalten also zuverlässig beendet? Leider Nein!

Die Papageien sind zwar oft Monate nach der OP deutlich ruhiger, was vermutlich auf den schmerzhaften Heilungsverlauf (insbesondere die Heilung der Rippen) zurückzuführen ist. Das etablierte aggressive Verhalten kehrt aber in sehr vielen Fällen zurück und manchmal sogar stärker als zuvor.

Tierschutzgesetz erklärt

Wir erklären zu den Punkten 1a, 5a, 5b etwas mehr. Im §6 Tierschutzgesetz heißt es:

(1) Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Das Verbot gilt nicht, wenn…

Geschlechtsbedingtes Aggressionsverhalten bei Papageien Tierschutzgesetzt

Auszug aus dem Tierschutzgesetzt Stand 29.08.2019 – Klick zum vergrößern

Zu 1. a) …nach tierärztlicher Indikation

Diese besteht nur, wenn das zu beseitigende Aggressionsverhalten rein geschlechtshormon-bedingt ist. Was jedoch sehr zweifelhaft ist, da zumeist Haltungsbedingungen die Ursache sind.

Aber selbst, wenn das der Fall sein sollte, ist eine Unterdrückung der Hodenaktivität mit einem Hormonchip, der gefahrlos und schnell unter die Haut implantiert werden kann, gegenüber einer risikoreichen chirurgischen Kastration der Vortritt zu geben.

 

Zu 5) …Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung

Vögel legen ja bekanntlich Eier, die entfernt, abgekocht oder durch Gips/Plastikeier ersetzt werden können. Also ist die Fortpflanzung auch ohne Kastration kontrollierbar.

 

Zu 5) …zur weiteren Nutzung und Haltung -soweit keine tierärztlichen Bedenken entgegenstehen

Hierzu führt die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz folgendes aus, was wir nicht besser und treffender hätten ausdrücken können. Zitat:

„Grundsätzlich ist festzustellen, dass Papageien, hohe Anforderungen an die Haltung stellen und nicht ohne großen zeitlichen und finanziellen Aufwand zu halten sind. Nicht nur den Platz- und Futteransprüchen sondern insbesondere den sozialen Anforderungen und den kognitiven Fähigkeiten/Bedürfnissen muss dabei Rechnung getragen werden.

Der Großteil der unerwünschten bis hin zu krankhaften Verhaltensweisen (Federrupfen, Aggression, übermäßige Lautäußerungen, etc.) lässt sich auf haltungsbedingte Defizite zurückführen. Reizarmut, Einzelhaltung, Fehlprägung und fehlerhafte Mensch-Vogel-Kommunikation – um nur einige zu nennen – sind Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, wonach jeder, der „ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, [dieses] seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen“ (§2 Nr. 1) sowie „über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen [muss]“ (§2 Nr. 3).

Hierzu gehört auch das Wissen, dass es sich bei der Papageienhaltung um eine Wildtierhaltung handelt. Folglich ist bei der Bewertung einer Haltung stets das Wildtier in seiner natürlichen Umgebung als Maßstab anzusetzen. Beim Auftreten pathologischer Verhaltensweisen liegt der Handlungsbedarf mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Haltung…“

Persönliches Fazit und Empfehlung

Im folgenden einige Gründe, weshalb ich kein Befürworter für Kastrationen von Papageien zur Therapie von Verhaltensproblemen bin:

Diese Operation birgt große Risiken (bis hin zu Todesfällen) und ist zudem sehr lange schmerzhaft für die Tiere. Außerdem ist ein Erfolg sehr fraglich, weil meistens nicht alleine die überschießenden Hormone für die Aggressionen verantwortlich sind.
Bei aggressivem Verhalten sollten die Tiere:
  • tierärztlich untersucht werden, denn nicht selten machen Schmerzen Vögel bissig.
  • von einem guten Verhaltenstherapeuten für Papageien beobachtet werden.
  • in ihrem Lebensumfeld überprüft und Haltungsbedingungen optimiert werden.
Das Entfernen der Hoden ist -meiner Meinung nach- nur indiziert, wenn wirklich gesundheitliche Probleme dahinterstecken, wie beispielsweise ein Hodentumor. Bei Papageienhennen können Legedarmentzündungen und Eierstockszysten eine Teilresektion des Eierstocks und des Legedarms notwendig machen.
Info: Vögel besitzen nur einen linken Eierstock und ein linkes Gebärmutterhorn (Legedarm).
Bei ständig auftretenden Legenöten ist gegebenenfalls eine hormonelle Behandlung auch erfolgreich und eine Kastration nicht nötig.