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Gift gefressen: Blutgerinnung erklärt

Hat mein Tier Gift gefressen? Rattengift -als prominentestes Beispiel- ist das rote Tuch eines jeden Hunde- und Katzenbesitzers. Es wird bei jeglichen Vergiftungs-Symptomen wie Erbrechen, Durchfall, Zittern, Krämpfen oder Speicheln als mögliche Ursache verdächtigt. Zum Glück ist es seltener die tatsächliche Ursache. Was tut also Rattengift? Um zu verstehen, was bei einer Vergiftung mit Rattengift passiert, müssen wir uns die Gerinnung anschauen. Ich versuche es im heutigen Blog zu erklären (Checker-Tobi-mäßig😉).

Gerinnung

Die Gerinnung ist ein echtes Schwergewicht in der Medizin, welches schon zahlreichen Studenten den letzten Nerv geraubt hat!

Unser Blut enthält Blutplättchen (Thrombozyten) und einige Faktoren, die zusammenarbeiten müssen, damit sich nach einer Verletzung ein Blutspfropf bildet, und sich dieser später auch wieder auflöst. Was genauso wichtig ist, sonst kommt es zu Thrombosen.

 

Das passiert wenn man blutet

Als Erstes ziehen sich die Gefäße am Ort der Verletzung zusammen.

Primäre Hämostase

Der Von-Willebrand-Faktor und der Gewebefaktor bewirken, dass die Blutplättchen den Defekt abdichten. Es bildet sich ein labiler weißer Plättchenpfropf. So ist der Defekt erstmal notdürftig geschlossen.

Info: Bei Dobermännern und Deutschen Schäferhunden, aber auch bei anderen Rassen, kommt manchmal ein angeborener Mangel des Von-Willebrand-Faktor vor.

Sekundäre Hämostase

Dieser Pfropf ist jedoch nicht sehr zuverlässig und muss durch einen stabileren roten Thrombus ersetzt werden. Die plasmatische Gerinnung wird aktiviert und jetzt wird es kompliziert – denn sie ist ein Zusammenspiel aus zahlreichen Gerinnungsfaktoren, die sich kaskadenartig aktivieren.

Als Tierbesitzer ist es nicht notwendig, sich das zu merken. Als Tierarzt aber schon, denn unterschiedliche Erkrankungen bewirken die Inaktivierung unterschiedlicher Gerinnungsfaktoren!

Gift gefressen-Gerinnungskaskade

Gerinnungskaskade

Störungen in der Gerinnung

Störungen in der Gerinnung sehen unterschiedlich aus. Es kann von punktförmigen Blutungen in der Haut, über ständiges Nasenbluten oder Zahnfleischblutungen bis hin zu großen Blutansammlungen in den Körperhöhlen reichen.

Fibrinolyse

Nun haben wir bisher nur über die Bildung von Blutspfropfen gesprochen. Diese müssen jedoch auch wieder aufgelöst werden, sonst kommt es zu Gerinnseln (Thromben), die Gefäße verlegen können. Hierfür sind Antithrombin, Protein C und S und Plasmin/Plasminogen zuständig. Wenn diese Stoffe fehlen, weil sie verloren gegangen sind (zum Beispiel über die Nieren) oder übermäßig verbraucht wurden, führt dies wiederum zu einem lebensbedrohlichen Zustand.

 

Gift gefressen, was passiert im Körper nach der Aufnahme von Rattengift?

Es hemmt die Blutgerinnung! Der im Rattengift enthaltene Wirkstoff heißt Cumarin. Dieser hemmt ein bestimmtes Enzym in der Leber, welches für die Vitamin K-Synthese zuständig ist.

Ohne Vitamin K funktioniert die lebenswichtige Blutgerinnung nicht. Die Folgen sind unstillbare Blutungen,  in Form von großflächigen Blutergüssen, Blutansammlungen in Körperhöhlen und Gelenken, Husten ausgelöst durch Lungenblutungen, blutiger Urin und Blut im Kot. Dies sind nur einige Beispiele.

Gerinnungstest

Blutentnahme und Testung der aPTT und PT

Tierarzt Diagnose

Eine Vergiftung mit Rattengift muss schnell behandelt werden! Aus diesem Grund ist es sinnvoll, nicht lange auf die Ergebnisse eines externen Labors warten zu müssen. Deshalb besitzen wir selbst Analysegeräte zur Auszählung der Blutplättchen und zur Testung der Gerinnungszeiten.

Bei verdächtigen Blutungen erstellen wir ein Blutbild und überprüfen, ob ausreichend Blutplättchen vorhanden sind. Das ist insbesondere bei der Katze manchmal knifflig, weil die Plättchen im Probenröhrchen zusammenklumpen können und Aggregate bilden. Diese gaukeln uns dann eine zu niedrige Anzahl von Blutplättchen (Thrombozyten) vor.

Durch die Betrachtung eines Blutausstriches unter dem Mikroskop finden wir aber die Wahrheit heraus. Dabei kann man nämlich die Aggregate sehen.

Zu niedrige Thrombozytenzahlen kommen bei Störungen des Immunsystems vor, ausgelöst durch Blutparasiten, Medikamente und Krebs.

Schleimhaut-Blutungszeit-Test

Wenn ausreichend Blutplättchen vorhanden sind und dennoch eine abnormale Blutungsneigung besteht, kann man die Schleimhautblutungszeit bestimmen. An der Lefze oder an den Ballen wird eine kleine Wunde eingeritzt. Die Zeit, bis die Blutung versiegt, wird gemessen. Dauert dies zu lange, kann man davon ausgehen, dass die Funktion der Blutplättchen nicht intakt ist.

Gerinnungstests

Hierzu zählen die aPTT (activated Partial Thromboplastin Time) und die PT Quick-Tests. Beide können über eine Blutuntersuchung bestimmt werden. Sie sagen aus, in welchem Bereich der Gerinnungskaskade die Probleme auftreten. So ist bei einer akuten Cumarinintoxikation (Rattengift) der Quicktest verlängert. Die aPTT ist bei einer Blutererkrankung (Hämophilie) erhöht.

 

Therapie einer Vergiftung mit Cumarin

Liegt die Aufnahme weniger als 6 Stunden zurück, sollte durch die Injektion eines bestimmten Medikamentes Erbrechen ausgelöst werden.

Die PT aber trotzdem nach 2-3 Tagen kontrollieren. Ist diese verlängert, gibt man Vitamin K.

Bei zusätzlich verlängertes aPTT ist die Gerinnung schon stark beeinträchtigt – Hier besteht die Gefahr lebensbedrohlicher Blutungen. Dem zufolge brauchen die Tiere Plasma- oder Vollbluttransfusionen.

Info: Ratten sind nicht blöd und haben ziemlich schnell raus, wenn ihre Kollegen nach der Aufnahme eines bestimmten Stoffes sterben. Deshalb wurden die Cumarinderivate immer weiter abgewandelt, so dass sie erst sehr spät, dafür aber sehr lange wirken.

Die Vitamin-K-Gabe sollte deshalb mindestens 4 Wochen durchgeführt werden. Zwei bis fünf Tage nach dem Absetzen muss die PT nochmals bestimmt werden, um auszuschließen, dass das Gift noch wirkt.