Hospitanz unter Hühnern

Ich bin letzte Woche in einer großen Praxis für Wirtschaftsgeflügel in Ostwestfalen mitgelaufen und konnte dort viel lernen. Hospitanz unter Hühnern.

Warum Wirtschaftsgeflügel

Schon seit Jahren rufe ich in der Praxis Dr. Pöppel regelmäßig an, wenn wir Fragen zu Hühnern, Puten oder Enten haben. Jedes Mal werde ich freundlich, kompetent und geduldig beraten.

Von Haus aus bin ich Ärztin für Papageien und Sittiche. In den letzten Jahren kommen aber immer mehr Hühner aus umliegender Hobbyhaltung zu uns in die Praxis. Deren medizinische Versorgung mich des Öfteren vor eine Herausforderung stellt.

Als ich dann erfuhr, dass besagte Praxis für Wirtschaftsgeflügel in demselben Ort ansässig ist, in dem auch mein Bruder mit seiner Familie lebt, und somit ein Praktikum dort gleichzeitig ein kleines Familientreffen bedeutete, habe ich mich dort angemeldet.

 

Und wieder Studentin

Nun hatte ich also eine Woche wieder Studentenstatus. Allerspätestens, als mich der Chef fragte: „In welchem Semester sind sie denn?“
Früher habe ich mich immer geärgert, wenn ich jünger geschätzt wurde. Ich hatte mir während meiner Zeit als Tierarzt-Assistentin tatsächlich mal eine Brille mit Fensterglas zugelegt, um älter zu wirken und nicht für eine Auszubildende gehalten zu werden. Nun mit Mitte 40 freut es mich, wenn ich als Mittzwanzigerin durchgehe – die Zeiten haben sich geändert!

 

 

Sektionshalle statt Behandlungszimmer

In einer Wirtschaftsgeflügelpraxis geht es komplett anders zu als in einer handelsüblichen Kleintierpraxis.

Wenngleich in einer Kleintierpraxis die Wiederherstellung der Gesundheit des Einzeltieres das A und O ist. So ist beim Wirtschaftsgeflügel das Wohl das Bestandes, der meist aus mehreren zehntausend Tieren besteht, am wichtigsten. Um für diesen Bestand die Gesundheit zu sichern, werden einzelne erkrankte Tiere stichprobenweise untersucht. Es wird Blut entnommen. Die Tiere werden seziert, und deren Organe untersucht. Auf diese Weise sterben also einige wenige stellvertretend einen Märtyrertod für die Rettung der Herde. Diese kommt dann in Form eines wirksamen Antibiotikums oder Impfstoffes. Im hauseigenen Labor werden direkt vor Ort alle mikrobiologischen und virologischen Untersuchungen durchgeführt.

 

Man steht also mit einem oder mehreren Kollegen an einem langem Tisch aus Edelstahl und zerlegt sein Tier. Während man über Organveränderungen sinniert, von veränderten Bereichen Tupferproben zur mikrobiologischen Untersuchung und Abstriche des Darms zur mikroskopischen Untersuchung entnimmt.

Zwischendrin kommt man sich jedoch vor wie bei einem Konzert der Fantastischen Vier. Dann fliegen nämlich unendliche Ansammlungen von Abkürzungen durch die Luft: „MG, MS, TRT, ORT, IB, ILT, AI, SE, SP… „. Ich war dann hektisch damit beschäftigt, zu überlegen, welche Krankheit sich hinter welchem Kürzel verbirgt.

Woran ich mich allerdings nicht so recht gewöhnen konnte, war der Geruch in der sogenannten Sektionshalle. Darauf angesprochen, reagierte jeder mit absolutem Unverständnis. Bis endlich eine der Tierärztinnen vom Kühlschranklieferanten erzählte, der nur ganz knapp seinem Würgereiz nicht erlegen war.

 

Im Außendienst

Ein großer Teil des Praxisalltags besteht im Besuch der Höfe. So erhalten zum Beispiel frisch gelieferte Küken direkt vor der Einstallung eine Sprühimpfung gegen Infektiöse Bronchitis.

Am Donnerstag sind wir den gesamten Tag durchs westphälische winterwonderland gefahren und haben Legehennenaufzuchtbetriebe, Puten- und Hähnchenmastställe besucht und versorgt.

Dabei ist Hygiene von essentieller Wichtigkeit. Deshalb muss man sich vor Betreten jedes einzelnen Stalles einen frischen Overall, Gummi-Schlupfstiefel und Handschuhe überziehen.
Für mich als Klamotten-Shopping-Queen trotzdem nicht ganz einfach, weil man immer irgendwo mit den Schuhen hängen bleibt oder versehentlich in die Ärmel steigt und sich dann wundert, warum das alles nicht passt.

Ich lernte, dass Eintagsküken einen für die Glucke halten und verfolgen, wenn man klatschend durch den Stall läuft. Hühner lieben Peter Maffay (ein riesengroßer noch unerschlossener Fanmarkt) und bringen sich bei klassischen Arien um, weil sie sich aus Angst vor hohen Tönen in Ecken gegenseitig erdrücken. Puten sind unglaublich neugierig und umzingeln einen wie eine Zirkusattraktion. Ein mulmiges Gefühl bekommt man schon, wenn man eingekesselt von mehreren hundert Puten dasteht – hat was von Jurassic Park.

 

Unsere Nahrung

Bei der Therapie Lebensmittel-liefernder Tiere sind uns Tierärzten ganz schön die Hände gebunden. So dürfen wir nur für die jeweilige Nutzungsart (Legehennen, Masthähnchen) zugelassene Medikamente einsetzen. Danach müssen sogenannte Wartezeiten eingehalten werden, in denen weder das Fleisch noch die Eier gegessen werden dürfen. Das hat den Sinn, dass keine Medikamentenrückstände in die menschliche Nahrungskette gelangen, und ist auch gut so!

Leider besteht manchmal ein Notstand in der Therapie. Wenn beispielsweise bei der Schwarzkopfkrankheiten (Histomonadose) Medikamente zur Behandlung vorhanden wären, aber nicht eingesetzt werden dürfen, weil sie für Geflügel nicht zugelassen sind.

 

Herausforderungen in der Kleintierpraxis

Nun habe ich einen groben Überblick über die dort auftretenden Erkrankungen, deren Diagnostik, Prophylaxe und Therapie bekommen. Bei den Hühnern, die zu uns kommen, geht es eher um die Versorgung von Einzeltieren, bei denen wir allerdings nur für Lebensmittel-liefernde Tiere zugelassene Medikamente benutzen dürfen, und dies auch ausführlich dokumentieren müssen, was nervigen Schreibkram bedeutet.

Info: Viele der sonst selbstverständlich von uns eingesetzte Medikamente, dürfen wir nicht verwenden. So gibt es kein wirklich wirksames Schmerzmittel, was uns aus Gründen des Tierschutzes echte Bauchschmerzen bereitet.

Auch die für jeden Hühnerhalter (auch wenn es nur ein einziges Tier ist) gesetzlich vorgeschriebene Impfung gegen Newcastle Disease, ist nicht einfach umsetzbar. Der vierteljährlich übers Trinkwasser zu verabreichende Impfstoff muss vom Tierarzt angewendet werden. Was nicht machbar ist, wenn man den Aufwand korrekt berechnen möchte. Deshalb werden wir zukünftig eine Injektionsimpfung anbieten, die nur einmal jährlich verabreicht werden muss.

So stellt die tiermedizinische Versorgung von Geflügel aus Hobbyhaltung einen ziemlichen Spagat zwischen der aufwendigen Versorgung von Henne „Berta“ wie in der Kleintiermedizin und der uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten aus dem Wirtschaftsgeflügelbereich dar.

Nach dieser Woche freue ich mich jetzt aber wieder auf meine Praxis, in der jedes Tier einen Namen trägt und fast immer lebendig wieder hinaus spaziert oder getragen wird.

Ein großes Dankeschön an das Praxisteam Dr. Pöppel und allen Unterstützern. Es hat mir riesigen Spaß gemacht!